Die Ziele

der

physikalischen Chemie.

Festrede

gehalten am 2. Juni 1896

zur Einweihung des

Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie

der Georgia Augusta zu Göttingen

von

Dr. Walther Nernst,

o. Professor an der Universität Göttingen.

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Göttingen

Vandenhoeck & Ruprecht

1896.


Am zweiten Juni 1896 fand die Einweihung des an unserer Universität neugegründeten Instituts für physikalische Chemie und besonders Elektrochemie statt. Der im Institut abgehaltenen Feier wohnten bei: Se. Excellenz der Herr Unterrichtsminister Dr. Bosse, Herr Geheimer Oberregierungsrath Dr. Althoff, vortragenden Rath im Cultusministerium, Herr Geheimer Baurath Hellwig aus Hildesheim, der Kurator unserer Universität Herr Geheimer Oberregierungsrath Dr. Höpfner, der derzeitige Prorektor Herr Professor v. Bar nebst zahlreichen anderen Mitgliedern unserer Hochschule, ferner zahlreiche auswärtige Vertreter der physikalischen Chemie und Elektrochemie (vgl. S. 4) und sonstige Freunde des Instituts.

Die nachfolgenden Blätter enthalten den sachlichen Inhalt der von mir bei dieser Gelegenheit gehaltenen Festrede; auch an dieser Stelle möchte ich unserm hohen Ehrengast wie allen andern Theilnehmern der Feier im Namen des Instituts für ihr Erscheinen danken.

W. Nernst.


Der heutige Tag verdient deshalb besonders die Bezeichnung eines Freudentages, weil er einen neuen wichtigen Beweis dafür bildet, dass zwischen zwei bisher ziemlich getrennten Wissenschaften eine innige Wiedervereinigung eingetreten ist.

Ich sage "Wiedervereinigung", denn die Trennung dieser Wissenschaften datiert nicht von Alters her. Blicken wir auf den Schöpfer der modernen Physik zurück, den grossen Newton, so finden wir, dass er sein berühmtes Kraftgesetz ebenso auf kosmische Erscheinungen, wie auf rein chemische Phänomene anzuwenden suchte. Freilich sind die letzteren Erklärungsversuche weniger bekannt geworden, weil sie nicht vom gleichen grossartigen Erfolge begleitet waren, wie jene. Gehen wir aber auch nur auf den Anfang unseres Jahrhunderts zurück, so begegnen wir in Männern wie Dalton, Wollaston, Ampère, Davy, Dulong, Gay Lussac u. A. Forschern der höchsten Bedeutung, die gleichzeitig die Physik wie die Chemie mit reichen Gaben beschenkten.

Erst später trennten sich die Wege im Ausland sowohl wie bei uns in Deutschland. Männer wie Wilhelm Weber, Helmholtz, Kirchhoff, Clausius, Fr. Neumann, Kundt, Hertz waren ebenso ausgesprochene Physiker, wie Berzelius, Dumas, Liebig, Wöhler, A. W. Hofmann mit Recht kurzhin als grosse Chemiker bezeichnet werden. Wir können die Zeit der Entwicklung von Physik und Chemie als getrennter Wissenschaften etwa in die Zeit von 1835 bis 1885 setzen. Als ersten Zeitpunkt wähle ich 1835, weil damals obige Wissenschaften noch einen Kampf um ihre Existenz gegenüber der Naturphilosophie zu führen hatten; so konnte Heinrich Heine (Rom. Schule I) noch 1835 schreiben, "dass Goethe ein Indifferentist geworden wäre und statt mit den höchsten Menschheitsinteressen sich nur mit Kunstspielsachen, Anatomie, Farbenlehre, Pflanzenkunde und Wolkenbeobachtungen beschäftigte". Als zweiten Zeitpunkt wähle ich 1885, weil erstens in diesem Jahre van't Hoff's berühmte Arbeit über die gelösten Stoffe erschien, deren Ideen in der Folgezeit der gemeinsamen Arbeit von Physik und Chemie ein reiches und lohnendes Feld eröffneten, und zweitens im gleichen Jahre Ostwald den ersten Band seines grossen Lehrbuchs der physikalischen Chemie herausgab.

Allerdings gab es auch während jenes Zeitraums Männer, die reiches chemisches Können mit dem Forscherblick des Physikers vereinigten, wie Regnault, der sicherlich gerade hierdurch zu seinen bewunderswerthen Leistungen auf dem Gebiete der messenden Physik befähigt wurde [1], Faraday, Hittorf, denen wir die wissenschaftlichen Grundlagen der Elektrochemie verdanken, ferner theoretische Physiker, die sich erfolgreich chemischen Problemen zuwandten, wie Horstmann, Gibbs, welche die chemische Thermodynamik schufen. Es kam wohl auch vor, dass ein Physiker und ein Chemiker sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigten; so entsprang die Entdeckung und gleichzeitige vollendete Durcharbeitung der Spektralanalyse wesentlich dem glücklichen Zusammenwirken des Physikers Kirchhoff und des Chemikers Bunsen; so entstand das Gesetz der chemischen Massenwirkung durch die gemeinsame Arbeit des theoretischen Physikers Guldberg und des experimentellen Chemikers Waage.

Ist es nun Zufall, dass gerade in unseren Tagen die Hülfsmittel von Physik und Chemie sich gegenseitig ergänzen, und dass wir gerade heute so viel Zeitgenossen besitzen, die gerne sowohl von den Physikern als von den Chemikern als die Ihrigen angesehen werden? Ich bin in der glücklichen Lage, keine Namen nennen zu brauchen, sehen wir doch viele dieser Forscher heute als unsere Gäste bei uns! [2] - Ich glaube, dass es kein Zufall ist, und meine im Gegenteil Ihnen nachweisen zu können, dass sowohl das frühere weite Auseinandergehen, ebenso wie die kürzlich erfolgte Annäherung beider Wissenschaften in der Natur der Dinge tief begründet waren.

Fragen wir uns zunächst nach dem Unterschied zwischen Chemie und Physik; man sagt häufig, die Chemie beschäftige sich mit dem Aufbau der Moleküle aus Atomen, während die Physik es mit den fertigen Molekülen zu thun habe; allein diese Definition ist a limine abzuweisen, denn sie benutzt eine ganz specielle Hypothese jener Wissenschaften, die sog. atomistische Hypothese, die man zwar sehr häufig mit Erfolg anwendet, aber die denn doch keineswegs ein so ausschliessliches Fundament der Forschung bildet, dass man sie für ein allgemeines Einteilungsprincip verwerten dürfte.

Man sagt auch wohl, die Physik beschäftige sich mit denjenigen Naturereignissen, bei denen die stofflichen Eigenschaften der Materie ungeändert bleiben, während die Chemie die stofflichen Umwandlungen der Materie untersucht. - Allein hier ist entgegenzuhalten, dass die Physik Vorgänge kennt, bei denen die Eigenschaften der Materie überhaupt nicht oder nur ganz sekundär in Frage kommen; zudem beschäftigt man sich doch nicht nur mit Umänderungen, sondern betrachtet doch auch oft in Ruhe, d. h. im Gleichgewicht befindliche Systeme. Eine sichere Unterscheidung ist also nicht ohne Weiteres zu erbringen.

Wohl aber findet man leicht ein höchst charakteristisches Merkmal, das Physik und Chemie im Gegensatz zu allen übrigen Zweigen der Naturwissenschaften gemeinsam haben; die übrigen Naturwissenschaften finden nämlich die Objekte ihrer Untersuchungen, ihre Systeme, wie wir sie kurz bezeichnen wollen, in der Aussenwelt fertig vor; so beschäftigt sich der Astronom mit den Eigenschaften des Sonnensystems, der Zoologe mit der Mannigfaltigkeit der Arten, der Physiologe mit den Lebensäusserungen der thierischen oder pflanzlichen Organismen, u. s. w. Nur die Physiker und die Chemiker schaffen sich ihre Systeme selber, und je nach den theoretischen Vorstellungen, die sie prüfen und zwischen denen sie eine Entscheidung treffen wollen, bauen sie sich selber aus dem ungeformten Rohmaterial der Aussenwelt dasjenige System auf, das ihnen von ihrem jeweiligen Gesichtspunkt aus eingehender Forschung gerade besonders würdig dünkt. Wir können diese Wissenschaften daher wohl kurz als "konstruierende Wissenschaften" bezeichnen. Ziel des Naturforschers kann es entweder sein, gewisse Theile der Aussenwelt, so wie sie ist, möglichst genau kennen zu lernen; dann wird er entweder Astronom, oder Zoologe, oder Physiologe etc., kurz er wendet sich einer der "beschreibenden" Naturwissenschaften zu, - oder aber, er kann sich die Aufgabe stellen,die allgemeinen Gesetze kennen zu lernen, die Sein und Geschehen der Aussenwelt beherrschen, und in diesem Falle wird er sich den "konstruierenden" Naturwissenschaften zuwenden, also entweder Physiker oder Chemiker, oder, fügen wir vom Standpunkte unseres Instituts hinzu, Physiko-Chemiker werden.

Aber, so wird man fragen, um so unverständlicher bleibt ja die bis ins Einzelne gehende Differenzierung zwischen Physik und Chemie, die ja doch ihren deutlichen äusseren Ausdruck darin findet, dass an den Universitäten beide Fächer, was Laboratorien, Lehrstühle, Examina etc. anlangt, scharf gesondert sind.

Versetzen wir uns, um der Frage näher zu kommen, in die Lage eines Mannes, der zu einer Zeit lebt, die etwa ein halbes Jahrhundert hinter uns liegt, und der, gestützt auf Erfolge wie Newtons Gesetz, oder das Gesetz von der Unzerstörbarkeit der Materie, erfüllt vielleicht von Vorahnungen des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, die Ueberzeugung bereits gewonnen hätte, dass es keineswegs die menschliche Kraft übersteigt, die Flucht der Erscheinungen in einfache, allgemeine, ausnahmslos gültige Gesetze zu fassen, aber im bewussten Gegensatz zu den Bestrebungen der Naturphilosophie seiner Zeit, besonders der sog. Identitätsphilosophie, bereits weiss, dass es unmöglich ist, aus seinem Innern heraus die Natur zu rekonstruieren, und durch blosse Schreibtischarbeit ihr ihre Geheimnisse abzulauschen, - wie wird, so fragen wir uns, ein solcher Mann seine Forscherthätigkeit zu gestalten suchen? - Dass er sich den konstruierenden Naturwissenschaften zuwenden muss, sahen wir bereits; wie aber wird seine Entscheidung ausfallen, und nach welchen Gesichtspunkten? Und warum wird er nicht Physiker und Chemiker gleichzeitig?

Auf die erste dieser Fragen ist etwa Folgendes zu erwidern. Je nach seiner persönlichen Neigung konnte ein Forscher der damaligen Zeit entweder gleichsam direkt den Kampf mit der Materie aufnehmen; als Chemiker musste er dann darnach trachten, sie sich nach Möglichkeit dadurch unterthan zu machen, dass er ihre individuellen Eigentümlichkeiten im Einzelnen erforschte, geleitet von dem Wunsche, auf diesem Wege ein anschauliches Bild des Ganzen zu gewinnen; oder aber er konnte als Physiker nach den Gesetzen suchen, die von der Natur des Stoffes möglichst losgelöst sind; die Erscheinungen der Körperwelt sind ihm dann mehr ein specielles Beispiel oder Gleichnis seiner im Grunde viel allgemeineren Gesetze und Formeln.

Die Entscheidung zwischen der rein physikalischen oder rein chemischen Arbeit liegt also tief in der Natur des menschlichen Geistes begründet, sie wurzelt vielleicht zum teil in dem uralten Gegensatz zwischen Materialismus und Spiritualismus; wir verstehen es nun wohl, dass beim Ausbau der "konstruierenden Naturwissenschaften" die Wege der Physiker und Chemiker sich trennen konnten.

Aber, so fragten wir oben weiter, warum strebte man nicht, in einer Person den Physiker und Chemiker in sich zu vereinigen? Da ist zu erwidern, dass die Hülfsmittel beider Wissenschaften gar zu verschiedenartig waren, als dass ihre gleichzeitige Handhabung die Regel hätte werden können. Wer sich der Physik zuwandte, brauchte mathematische Kenntnisse in grossem Umfange, während die Chemiker viele Berührungspunkte mit der Mineralogie, Physiologie und Botanik hatten, Wissenschaften, die ihnen das Rohmaterial für ihre Forschungen lieferten. Da einer alle diese Wissenschaften schon nicht mehr umfassen konnte, so war hierdurch ein zwingender Grund für die Arbeitsteilung gegeben. Als ein weiterer, zwar mehr äusserlicher aber doch bedeutsamer Scheidungsgrund ist zu erwähnen, dass die physikalischen Apparate vielfach den Aufenthalt in chemischen Instituten nicht gut vertrugen, sondern leicht durch die zerstörenden Dämpfe der chemischen Reagentien unbrauchbar wurden; indem man sie ängstlich vor diesen Dämpfen schützen musste, entzog man sie gleichzeitig der allgemeinen Benutzung, und so kam es denn, dass in den chemischen Laboratorien die physikalischen Apparate, wenn überhaupt ein reales, so doch nur ein höchst verstecktes Dasein führten. Andererseits wurde von den Physikern in ihren Instituten die "chemische Küche", wie das für chemische Arbeiten reservierte, aus den gleichen Gründen möglichst abseits gelegene Zimmer hiess, in der Regel nur mit einer gewissen Scheu und höchst ungern betreten.

Aus alledem ersehen wir also klar, dass die entschiedene Arbeitsteilung, die etwa ein halbes Jahrhundert (1835 - 85) zwischen Chemie und Physik geherrscht hat, eine Notwendigkeit, und für den Fortschritt unserer Naturerkenntnis sicherlich kein Unglück war.

Und was von allem diesem hat sich heute nun geändert? Nun, vor allem ist zu betonen, dass zum guten Teil die erwähnten Gründe für eine Trennung der Physik und Chemie noch heute fortwirken, dass also die Beschäftigung mit der reinen Physik oder der reinen Chemie nach wie vor die volle Arbeitskraft eines Menschen in Anspruch nimmt, der nach Neigung und Anlage die Wahl zwischen ihnen zu treffen hat. An eine Verschmelzung der physikalischen und chemischen Laboratorien wird Niemand denken.

Aber wie zwei grosse Nationen, wenn sie sich mächtig entwickeln, durch Handel, Einwanderung, Verträge, wissenschaftlichen Verkehr u. s. w. in immer nähere Beziehungen gelangen müssen, mögen sie räumlich noch so weit getrennt sein, so konnte es nicht ausbleiben, dass zwischen zwei so nahe stehenden Disciplinen wie Physik und Chemie um so zahlreichere Berührungspunkte sich ausbildeten, je weiter die Forschung gedieh. Und die physikalische Chemie ist es, der so zu sagen die diplomatische Vermittlung zwischen ihnen zufällt. - Aber das ist nur eine ihrer Aufgaben.

Wenn der Physiker und Chemiker, jeder in seinem Gebiete und mit seinen Methoden arbeitet, so bleibt ein grosses Feld zwischen beiden brach liegen, nämlich alles das, was nur durch gleichzeitige Anwendung von beiden Arbeitsmethoden zu behandeln ist. Und dass hier die physikalische Chemie ein ungeheuer grosses und lohnendes Feld ihrer Thätigkeit findet, zeigen deutlich die wissenschaftlichen Errungenschaften des letzten Jahrzehntes.

Man wird nun fragen, warum diese Gesichtspunkte erst in den letzten Jahren, nicht früher, zur Geltung kamen. Nun, und hierin glaube ich den Kernpunkt der ganzen Frage zu erblicken, es ist in den vorerwähnten fünfzig Jahren gelungen, eine Reihe allgemeiner und dabei durch ihre Einfachheit besonders wichtiger und brauchbarer Naturgesetze zu finden, die es dem forschenden Geiste ermöglichen, ein riesiges Material von Thatsachen in wenigen Worten oder Formeln zusammenzufassen.

Zahlreiche und mannigfaltige Erscheinungen der Physik treten uns, nicht nur in ihren grossen Zügen, sondern präcis erläutert bis in die kleinsten Einzelheiten, vor unser geistiges Auge, wenn wir an die Lehrsätze der Thermodynamik, an die Principien der kinetischen Gastheorie, an die Maxwell-Hertz'schen Gleichungen der Electrodynamik, an die Theorie der elektrolytischen Erscheinungen oder an das absolute Maassystem denken, welch letzteres die sichere Grundlage der messenden Naturlehre bildet. Auf der andern Seite hat die Chemie in jenen Jahren in der Atomgewichtstabelle, an deren Aufstellung sich das periodische System der Elemente anschloss, in der Constitutionslehre der organischen Verbindungen, in der Stöchiometrie, im Gesetz der chemischen Massenwirkung, in der Physenregel Theoreme von so umfassender Bedeutung erbracht, dass wir in den stofflichen Veränderungen der umgebenden Körperwelt immer aufs neue wohlbekannte Züge wiederfinden, und eine Reihe allgemeiner Voraussagungen über ein beliebiges chemisches System getrost machen können, noch ehe wir seine speciellen Eigentümlichkeiten näher erforscht haben.

Eine unmittelbare Folge dieser Entwicklung, zwar etwas trivialer Natur, aber für den heutigen Stand der konstruierenden Naturwissenschaften bezeichnend, besteht darin, dass die Lehrbücher der Physik und Chemie von Jahr zu Jahr ebenso an Umfang abnehmen, wie sie an Inhalt gewinnen. Der Verfasser eines Lehrbuches kann eben heute mit wenig Worten an der Hand allgemeiner Theoreme dasselbe erbringen, was früher nur durch seitenlange Beispiele und mühsam zusammengesuchtes Beobachtungsmaterial klar gemacht werden konnte.

So ist es denn gegenwärtig verhältnismässig leicht geworden, an der Hand der von Physik und Chemie aufgefundenen allgemeinen Naturgesetze und Regeln ein grosses Thatsachenmaterial zu beherrschen, und was unseren Vorgängern die grössten Schwierigkeiten gemacht hat, nämlich zu einer alle Erscheinungen der Aussenwelt umfassenden Naturanschauung zu gelangen, das wird den Enkeln jetzt viel leichter, weil sie sich im behaglichen Genusse der Zinsen des von ihren Vorfahren aufgehäuften wissenschaftlichen Kapitals befinden.

Aber dies bedeutet gleichzeitig eine ernste Mahnung an die heranwachsende naturwissenschaftliche Generation:

"Was Du ererbt von Deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen".

Das bedeutet hier, dass es heute weder der angehende Chemiker noch der angehende Physiker verabsäumen darf, sich in den Besitz einer allgemeinen Naturanschauung zu setzen. Zum sicheren Verständnis z. B. der elektrischen Erscheinungen oder der Thermodynamik kann der Physiker unmöglich ohne einen Einblick in das Gesetz der chemischen Massenwirkung, also ohne ein tieferes Verständnis auch der rein chemischen Erscheinungen gelangen. Der Chemiker muss z. B. die Elektricitätslehre bis zu einem gewissen Grade beherrschen, um sich über zahlreiche, scheinbar unelektrische chemische Vorgänge Rechenschaft geben zu können. Und so sind die Wechselbeziehungen von physik und Chemie allgemein so rege geworden, dass in einer der beiden Wissenschaften nur ein ganz bewusster Specialist und nur auf ganz beschränktem Gebiete arbeiten kann, ohne sich um die andere zu kümmern.

Die hiermit gestellten Anforderungen, nämlich die tiefgehende gegenseitige Berücksichtigung der physikalischen und chemischen Forschungen und Fortschritte, liegen im eigenen Interesse der heranwachsenden naturwissenschaftlichen Generation selber; die gleichzeitige Anwendung physikalischer und chemischer Forschungsmethoden befähigt, wie ich vielleicht aus eigener Erfahrung sagen kann, auch bei bescheidenen Kräften Einiges zu leisten. Die obigen Anforderungen sind auch gewiss nicht zu hoch; was dem jungen Helmholtz einst als das grosse Ziel der Naturforschung erschien, "die Bewältigung der uns anfangs fremd gegenüberstehenden Natur durch die logische Kraft des Gesetzes", ist eben zum guten Teil schon geglückt, und wird gewiss in immer höherem Grade noch gelingen. Und wenn derselbe Altmeister der Forschung wiederholt erklärt, dass die Physik die theoretische Grundlage aller anderen Zweige der Naturforschung bildet, so werden wir heute - gewiss ganz im Geiste des grossen Toten - den Satz dahin erweitern können, dass die durch das gemeinschaftliche Wirken von Physik und Chemie geschaffene Naturanschauung jene Grundlage bildet. An der weiteren Befestigung dieses Fundaments hat nun nicht am wenigsten die physikalische Chemie mitzuwirken, und zwar auch in dem Sinne, dass die Grundzüge jener Naturanschauung immer mehr Gemeingut der gebildeten Menschheit werden.

Vielleicht kann man als allgemeinstes Resultat des Ausbaues von Physik und Chemie jenes hinstellen, dass es möglich ist, zahlreiche und scheinbar komplicierte Naturvorgänge auf wenige einfache, d. h. dem menschlichen Geiste leicht auffassbare Gesetze zurückzuführen; vielleicht liegt hierin ein Fingerzeig für einen Weg, um zu einer Beziehung zwischen der Natur des menschlichen Geistes und den Erscheinungen der Aussenwelt zu gelangen, welche die Identitätsphilosophie vergeblich zu begründen sich bemüht hat.

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Unter den verschiedenen Zweigen der Physik scheint gerade der Elektricitätslehre die Rolle eines verknüpfenden Bandes von Physik und Chemie zugefallen zu sein, ja es scheint überhaupt, als ob das Gebiet der Elektricitätslehre in ungeheurem Wachstum begriffen sei. Nachdem die magnetischen Erscheinungen schon lange als ein Specialfall der elektrischen erkannt sind, schreiben wir heute auch den Vorgängen des Lichts elektrische Natur zu. In der Diffusion der Salze, in zahlreichen chemischen Vorgängen spielen nach unseren jetzigen Anschauungen elektrische Kräfte eine entscheidende Rolle. Umgekehrt lehren die Erscheinungen der Jonenwanderung und Elektrolyse, dass wir durch Zufuhr elektrischer Energie Diffusionsvorgänge und zahlreiche chemische Prozesse hervorrufen können. Die Spezialwissenschaft der physikalischen Chemie, die sich mit diesen Erscheinungen beschäftigt, heisst die Elektrochemie; ihren Gesetzen nachzuspüren, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben [3].

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Am Tage der Eröffnung eines Instituts, wie des unsrigen, können wir nicht umhin, uns noch kurz die Frage vorzulegen, nach welchem speziellen Programm - die allgemeinen Gesichtspunkte sind ja nach dem Früheren unzweifelhaft gegeben - wir arbeiten sollen, besonders wie der Unterricht zu handhaben ist.

Das Institut ist wesentlich für Vorgeschrittene bestimmt; der Besucher des Instituts muss bereits ein erhebliches Maass von physikalischen oder chemischen Kenntnissen mitbringen. Demgemäss wird es unsere wichtigste Aufgabe sein müssen, selbstständige Forscher heranzubilden. Seine Wissenschaft kennt der besonders, welcher bis zu ihren Grenzen vordrang und zu ihrer Erweiterung beizutragen bemüht war.

Was der Schüler des Instituts später zu unternehmen gedenkt, ist für den Weg, auf dem er zu der von uns angestrebten Ausbildung gelangen soll, von geringem Belang. Sei es, dass er die im Institut erworbenen Kenntnisse später in der Praxis zu verwerten gedenkt, dann wird er häufig sich vor neue und unerwartete Schwierigkeiten gestellt sehen; furchtsam zurückschrecken wird niemals der, welcher einmal, vom Forschungstrieb beseelt, an die selbstständige Bearbeitung eines naturwissenschaftlichen Problems gegangen ist. Sei es, dass der Schüler sein erworbenes Wissen später als Lehrer weiteren Kreisen zugänglich machen will, so wird er dieser Aufgabe anders gegenüberstehen, wenn er selbst einmal mit dem ungeformten Stoff gerungen, als wenn er stets nur rein receptiv den bereits verarbeiteten Stoff in sich aufgenommen hat.

Wissenschaftliche Arbeiten, nicht solche, welche sich nicht an das Licht der Oeffentlichkeit wagen, sondern Druckschriften, die der Schüler mit seinem eigenen Namen zu vertreten hat, das sind die sichtbaren Früchte, die unser Institut zu ernten hofft; dadurch hoffen wir gleichzeitig den Schülern, der reinen wie der angewandten Wissenschaft, Technik und Industrie, zu nützen. Die wissenschaftlichen Dissertationen unserer Schüler, die Doctordissertationen, sind das Kleinod, das die Universitäten zu wahren haben, nicht aus kleinlicher Eifersucht, sondern weil es entwertet würde, wenn es in falsche Hände geriete.

Das Gymnasium und viele andere Schulen stellen Aufgaben, die bei andauerndem Fleiss schliesslich in der Regel auch zu lösen sind: die Universität muss weiter gehen; ihre Vergangenheit - gerade was Physik und Chemie anbelangt, so haben mit wenigen, dafür allerdings für die Betreffenden um so anerkennungswerteren Ausnahmen, die Universitäten hier bei uns in Deutschland lange Zeit allein gearbeitet, - giebt ihnen das Recht und die Pflicht, weiter zu gehen; sie müssen Aufgaben stellen, die nicht durch blossen Fleiss, sondern nur durch eine gleichzeitig von hoher Begeisterung getragene unbedingte Hingabe an die Sache zu lösen sind.

Dass wir damit nicht etwa an einen Idealismus der heranwachsenden Generation appellieren, der wohl wünschenswert wäre, aber nicht vorhanden ist, das beweist - in unserem wie in anderen Fällen - der grosse Schülerkreis, der zu dem neuen Institut hingeströmt ist, aus unserem Vaterlande sowohl, als aus fast allen Teilen der civilisierten Welt, fast früher noch, ehe die Pforten des neuen Tempels der Wissenschaft geöffnet waren.

Dass solche Anforderungen auch nicht die Kräfte der Schüler übersteigen, das beweist die stattliche Anzahl der Doctor-Dissertationen auf dem Gebiet der physikalischen Chemie, deren Gesammtheit eine grosse und unzweifelhafte Förderung der Wissenschaft und, was in diesem Falle damit gleichbedeutend ist, des deutschen Nationalwohlstandes bedeutet.

Letzteres ist zu betonen. Die Pflege der Beziehungen unseres Instituts zur deutschen Industrie ist eine patriotische Pflicht; aber auch eine Pflicht der Dankbarkeit gegen unsere Industrie, denn diese hat ja durch manche ihrer Vertreter und Vereine bedeutsame Anregungen zur Pflege der physikalischen Chemie und Elektrochemie gegeben.

Aber auch das allereigenste Interesse des Instituts weist darauf hin. In den Laboratorien werden die wissenschaftlichen Grundlagen zum Verständnis der Naturkräfte geschaffen, die sich Technik und Industrie dann dienstbar machen; die Versuche, die in den Laboratorien in kleinem Maassstabe angestellt werden, erfahren in der Technik eine ganz andere Dimensionierung, und so kommt es denn, dass die wissenschaftlichen Ideen und experimentellen Methoden in der Technik häufig eine solche Erweiterung und Vervollkommnung erfahren, dass sie dann später als verfeinerte Handwerkszeuge zu den wissenschaftlichen Instituten zurückkehren.

Hingegen verfehlt wäre es wiederum, wenn wir uns bei unseren Forschungen auf ganz spezielle Ziele der Technik beschränkten. "Wer bei der Verfolgung der Wissenschaft nach unmittelbarem praktischen Nutzen jagt, kann ziemlich sicher sein, dass er vergebens jagen wird", ist ein Ausspruch Helmholtz's.

Sehen wir selbst einmal von allen wissenschaftlichen Zielen ab, stellen wir uns auschliesslich so zu sagen auf den geschäftlichen Standpunkt, auch dann dürften wir, wich ich glaube, nicht anders arbeiten, als wir es thun. Ein grosses Institut, wie das unsrige, darf sich dann eben nicht auf den Standpunkt des Krämers stellen, der bei jeder, noch so bescheidenen Kapitalanlage nach dem Zinsertrag fragen muss, sondern auf den des Grosskapitalisten, der sich nicht scheut, grosse Summen à fonds perdu zu geben, wenn es die grossen Ziele seiner Firma erheischen.

Es ist nicht ohne Interesse zu sehen, wie sich die Physiker und Chemiker bei uns in Deutschland mit der gleichen Frage abgefunden haben. Der Unterschied ist im höchsten Maasse auffallend; während die deutsche chemische Grossindustrie in regster Beziehung zu den wissenschaftlichen Laboratorien gross geworden ist, hat sich die Maschinentechnik, die doch zweifellos wesentlich angewandte Physik ist, so gut wie völlig unabhängig von der wissenschaftlichen Physik entwickelt, und die Elektrotechnik, jener blühende Spross der Elektricitätslehre, hat vielleicht der Stammmutter Physik ebensoviel Anregungen gegeben, als von ihr empfangen. Wenn diese Entwicklung zum Teil ja zweifellos aus der Stellung der führenden Persönlichkeiten sich erklärt - man denke an den Universitätsprofessor Liebig und den Genieoffizier und späteren Fabrikinhaber Siemens - so dürfte doch auch der Unterschied zwischen der Forschungsthätigkeit des Chemikers, die auf die unmittelbare Beherrschung der Materie hinarbeitet, und derjenigen des Physikers mit seinen inmateriellen Gelüsten dabei eine Rolle gespielt haben.

Die experimentellen Methoden, nach denen wir arbeiten, sind der Chemie und Physik entlehnt; doch machen die besonderen Aufgaben, die uns hier, speziell auf elektrochemischem Gebiet gestellt sind, vielfache Abänderungen und Erweiterungen des bisherigen wissenschaftlichen Handwerkszeuges nötig. Ich habe mir erlaubt, eine kleine Ausstellung von Apparaten zu arrangieren, die zum Zweck unserer Forschung konstruiert aus dem Institute hervorgegangen sind, und teils von dem Institutsmechaniker, der an der Konstruktion übrigens persönlich vielfachen Anteil nahm, teils von unseren anderen Göttinger Mechanikern gefertigt sind. Ich will bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, dankbar zu erwähnen, wie sehr mich die hiesigen Feinmechaniker bei der Institutseinrichtung unterstützt haben; vielleicht ist es nicht allgemein bekannt, dass gerade Göttingen eine der wichtigsten Geburtsstätten der deutschen Feinmechanik bildet, deren Wichtigkeit bereits Gauss und Weber zu würdigen wussten, und deren hohe nationale Bedeutung heutzutage allgemein anerkannt wird. Die Pflege der Feinmechanik scheint mir, zumal im Hinblick auf das rapide wachsende Bedürfnis nach wissenschaftlichen Apparaten, eine wichtige Aufgabe aller wissenschaftlichen Laboratorien zu bilden.

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Das ist in Kürze das Arbeitsprogramm des neuen Instituts; in der Festschrift (erschienen bei Knapp, Halle) habe ich mir erlaubt, einige weitere Einzelheiten zu geben. Gross sind unsere Aufgaben; die Hoffnung, ihnen gerecht zu werden, wäre vermessen, doch einige schön behauene Steine zum grossen Bau der Wissenschaft hoffen auch wir mit der Zeit zu erbringen. Was aber unsere Arbeitsfreudigkeit stärkt und erhöht, das ist das reiche Wohlwollen, das unserer Arbeitsstätte und uns, die wir darin arbeiten, bisher und ganz besonders am heutigen Tage entgegengebracht wurde; möge es dem Institut vergönnt sein, sich dieses Wohlwollens wert zu zeigen, zum Nutzen der Wissenschaft, zum Wohle des Vaterlandes.

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[1] Regnault wandte der chemischen Reinheit der Objekte seiner Messungen die gleiche Sorgfalt zu wie den physikalischen Bestimmungen selber; ihm passierte es daher nicht (was leider in unserer Zeit noch vorkommt!), dass er seine Arbeitskraft mit der genauen Bestimmung physikalischer Konstanten von ungereinigter atmosphärischer Luft oder käuflichem Ricinusöl und dergleichen verschwendete.

[2] Es waren anwesend von auswärtigen Gästen Arrhenius-Stockholm, Beckmann-Erlangen, Borschers-Duisburg, Heim-Hannover, van't Hoff-Berlin, Le Blanc-Leipzig, Kahlbaum-Basel, Küster-Marburg. Leider waren Landolt-Berlin und Ostwald-Leipzig am Erscheinen verhindert.

[3] An dieser Stelle wurden einige elektrochemische Vorlesungsversuche eingeschaltet.


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Revised 2006-06-16